Mehrsprachigkeit durch bilinguale Unterrichtsformen: Regionalsprachen als Zweitsprachen

Wenn die sprachliche und kulturelle Vielfalt in Europa tatsächlich erhalten werden soll, müssen auch die kleineren Sprachen so gepflegt werden, daß sie den Anforderungen einer modernen Industriegesellschaft gerecht werden. Sie dürfen nicht nur auf Mündlichkeit und wenige Domänen wie Familie, Freundeskreis, die Nachbarn oder Haus und Hof beschränkt bleiben. Auch die Schriftlichkeit muß voll gegeben sein. Folglich ist es für den Erhalt und die Weiterentwicklung von kleineren Sprachen unerläßlich, daß sie im öffentlichen Erziehungssystem mitberücksichtigt werden. In diesem Beitrag versuche ich, den Spielraum auszuloten, der Regionalsprachen im Rahmen einer Konzeption von Schule zukommen könnte, die die modernen Formen von Sprachunterricht, also bilingualen Unterricht (BIU), Immersion (IM) und Frühvermittlung von Sprachen in bilingualen Kindertagesstätten und Grundschulen nutzt. Dabei ist nicht nur an eine bestimmte Regionalsprache, etwa Sorbisch zu denken, sondern an kleinere Sprachen allgemein. Beim jetzigen Wissensstand empfiehlt sich folgendes: Die Regionalsprache, z.B. Sorbisch, wird in einer bilingualen Kita im Alter von 3 Jahren oder früher eingeführt. Diese Sprache wird kontinuierlich durch IM bis zum Ende der Grundschule weitergefördert, und zwar mit mindestens 60-70% der wöchentlichen Gesamtunterrichtszeit während der 1. und 2. Klasse. Ab der 3. Klasse kann der Anteil an IM bis auf 50% der Gesamtunterrichtszeit zurückgenommen werden, um Raum für die Pflege der Staatssprache, etwa Deutsch zu schaffen. Mit dem Übertritt in den Sekundarbereich wird die Regionalsprache auf 1-2 Stunden wöchentlich gekürzt, aber kontinuierlich bis zum Ende der Sekundarstufe weitergeführt. In dieser Sekundarphase muß vor allem darauf geachtet werden, daß sich die Schriftlichkeit über schlichte Orthographiekenntnisse hinaus entwickeln kann und daß sich die fachspezifischen Register ausbilden können. Für letzteres sowie zur Weiterentwicklung der Mündlichkeit wird die Regionalsprache immersiv als Unterrichtssprache in anderen Fächern eingesetzt. Als zweite zusätzliche Sprache kann die bisherige erste Fremdsprache des öffentlichen Schulsystems, also in Deutschland Englisch oder Französisch, oder eine andere Sprache, nach dem Muster des derzeit in Deutschland und anderswo so erfolgreich praktizierten BIU eingeführt und bis zum Ende der Schulzeit weitergepflegt werden. Auf diese Weise ist von selbst über die jeweiligen Lehrpläne dafür gesorgt, daß auch die Staatssprache, z.B. Deutsch, schulisch voll zu ihrem Recht kommt. Diese Vorschläge werden begründet mit jüngsten Forschungsergebnissen zu einem vergleichbaren Verbund von Kita, Grundschule und Sekundarbereich in Schleswig-Holstein. Berichtet wird über die Struktur, Funktionsweise und Leistungsfähigkeit von bilingualen Kitas, IM-Unterricht in der Primarstufe und BIU im Sekundarbereich. In Schleswig-Holstein geht es z.Z. um Englisch als erste zusätzliche Sprache. Da sich die Ergebnisse mit denen zum Dänischen als Minderheitensprache in Schleswig-Holstein decken, scheint es gerechtfertigt, Vergleichbares auch für andere Regionalsprachen zu empfehlen.

Paper presented at EUREG-Lingua Conference, Cottbus, 11.05.2001

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