Termine und Aktuelles

Workshop: Lesen im Kommunikationsprozess: Lesegemeinschaften 1550-1830

Nicola Glaubitz (Kiel), Felix Sprang (Siegen),
KWI Essen; 6. und 7. Oktober 2020

Die sogenannte ‚bürgerliche Lesekultur‘ verliert gegenwärtig den Status des Selbst-verständlichen: Das stille, einsame, kontemplierende und hermeneutische Lesen in sich geschlossener, literarischer Werke (oder Texte) ist keine dominante Kulturtechnik mehr und kann nicht mehr ohne weiteres als normative kulturelle Praxis auftreten (Collins 2010: ‚postliterarisches‘ Zeitalter) - auch wenn literaturwissenschaftliche Praxis dies meist noch stillschweigend voraussetzt. Fraglich ist jedoch, ob diese Lesehaltung und dieses Text-verständnis jemals flächendeckend verbreitet waren. Ist die Stilisierung des Lesens zu einer individuellen und individualisierenden Tätigkeit möglicherweise eine Norm, die einen Soll- aber keinen Istzustand beschreibt? Und ist die Variationsbreite kulturell relevanter Lesehaltungen und Lesetechniken – insbesondere Formen des ‚social reading‘, die zur Zeit wieder in den Blick rücken – größer als meist angenommen?

Schlaglichtartig bringen dies folgende Zitate auf den Punkt:

Printed texts in this period fulfilled a number of functions beyond that of a medium for ideas. They served as gifts, family relics, symbols of social status, registers for important information such as births, deaths or business transactions (often scribbled on the fly-leaves), and even magical talismans. Bibles were opened at random to divine a course of action, touched to the belly or the brow of a child to heal illness, and placed beneath pillows to conjure dreams. (C. Scott Dixon, Contesting the Reformation, 2012, 17, 76)
My suggestion that the quality of such a temporal (and/or spatial or identity) transportation or transformation of the reader may depend on the intensity of the activity calls into question the historiography of the modes of reading: the distinction between intensive versus extensive reading. The former is characterised by insistent rumination on a limited number of texts (including, typically, the Bible), often also read to others, to the extent that they could be virtually learnt by heart, while the latter exhibits a craving for a large number of books, often read in solitude and not necessarily entirely nor repeatedly – with a reading revolution jumping from one to the other in the eighteenth century.(Alessandro Arcangeli, “Reading Time: The Act of Reading and Early Modern Time Perceptions,” 2017, 28-29)

Ausgehend von diesen Überlegungen und insbesondere Heather Blatts Konzept des „Participatory Reading“ (2018) lohnt es sich, einen Blick auf die Lesekultur und auf Literaturbegriffe der frühen Neuzeit zu werfen und genauer zu erkunden, wie Texte in kommunikative Prozesse und kollektive Praktiken eingebettet waren. Die ästhetischen Kriterien und die soziokulturellen Bedingungen, unter denen sich seit dem 18. Jahrhundert Literatur im heutigen Sinne etabliert (d.h. als Teil einer autonomen Sphäre oder eines literarischen Feldes) und entsprechende Lesekulturen ausbilden, sind inzwischen gut erforscht (Siskin 1998, Littau 2006). Doch wie stellt sich diese Geschichte der Literatur vor dem Hintergrund einer Kultur- und Sozialgeschichte des Lesens und einer Buchgeschichte in der frühen Neuzeit dar?

  • Welche Literaturen und Lesetechniken/Lesehaltungen gehören nicht unmittelbar zu einer Vorgeschichte des ‚bürgerlichen Lesens‘ und/oder einer Vorgeschichte des lutherischen sola scriptura? Welche Lesehaltungen und Literaturauffassungen bestimmten z.B. den Umgang mit Schriften in juristischen, naturphilosophischen, administrativen, höfischen und ‚privaten‘ (freundschaftlichen) Kontexten?
  • Welche Rolle spielen religiöse Lesepraktiken und -haltungen jenseits der Erbauungsliteratur und der Bibelexegese?
  • Welchen Status und welche Bedeutung haben gedruckte oder geschriebene Texte als Teil eines Kommunikationsprozesses? Welche Belege gibt es für Lektüre in Gruppen (z.B. lautes Vorlesen) oder Lektüre als Gruppenbildung (Manuskriptzirkel; kollaboratives Schreiben von Sonetten/Sonettsequenzen, vgl. Spiller 1997, Marotti 1995)? Wie verändert dies den Blick auf Literaturgeschichte und den Status von einzelnen Texten?
  • In welchen Formen (Gattungen) und Materialien zirkulierten Texte und wie hängen diese Bedingungen mit Kommunikationspraktiken (Einbettung in schriftliche, mündliche Kommunikation; Gaben- und Tauschökonomien) zusammen (vgl. Spoerhase 2018)?
  • Wie wurden individuelle und kollektive Lesepraktiken eingeübt und verhandelt, welche Dokumente lassen sich dazu finden?
  • Welche Spuren von kommunikationsorientierten Lesepraktiken und welche Gelegenheitsstrukturen (Affordanzen) für solche Lesepraktiken finden sich in Texten – von Randnotizen über unterschiedliche Handschriften bis zur materialen, formalen und semantischen Gestaltung von Texten?